2021: FFW Jestetten

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Interview und weitere Bilder zum Brand vom 03.05.2021

icon.crdate07.05.2021

Interview vom 06.05.2021

Fragen an unseren Gesamtkommandanten Holger Jörns nach dem Brand vom 03.05.2021 in Jestetten

 

Holger, die Feuerwehr Jestetten hatte, mal von einigen Kleinbränden abgesehen, den letzten größeren Brand in Hohentengen am 26.01.2019 im Rahmen einer Überlandhilfe zu bewältigen. Hattest du etwas Bammel vor einem größeren Brandeinsatz während der Coronakrise?

 

Nein, ich hatte nie Bedenken, dass wir nicht richtig funktionieren werden, wenn es soweit kommt.

Aber schwer beeindruckt hat mich, dass mich mehrere junge Kameraden einmal darauf angesprochen haben, dass sie sich aus mangelnder Praxis in der Coronapause nicht wohlfühlen oder sich sogar nicht imstande fühlen, unter Atemschutz in den Innenangriff zu gehen. Das stimmte mich nachdenklich und sobald es erlaubt war, übten wir in Kleingruppen wieder in der Praxis.

Unter dem Strich sind alle Feuerwehrangehörigen landauf- und landab hoch motiviert, haben das Helfersyndrom in sich und das hört wegen Corona nicht auf.

 

Wie erging es dir als Einsatzleiter, als du bei der Anfahrt diese schwarze Rauchwolke wahrgenommen hast und auf Sicht das Objekt anfahren konntest?

 

Im ersten Moment war ich schon erschrocken, als ich diese große schwarze Rauchwolke sah.

Und als ich vor Ort diese ausgedehnte Flammenwand an der Giebelseite sah, hatte ich zunächst das Gefühl, dass wir den Dachstuhl nicht halten können. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, wie es im Gebäude aussah.

Gleichzeitig besteht die Priorität der Menschenrettung, falls sich noch jemand im Gebäude befindet.

Ich hatte die mehrfache Information, dass keine Personen mehr im Haus sind, aber darauf kann man sich nicht gänzlich verlassen.

 

Wie lief es am Montag aus deiner Sicht ab? Hattes du als Einsatzleiter genügend Personal und warst du zufrieden mit dem Einsatzablauf?

 

Ich war mehr als zufrieden mit dem Ablauf und wir hatten auf Grund der Uhrzeit nach 18h und auch der aktuellen Corona-Homeoffice-Zeit geschuldet, viel Personal im Einsatz. Als Einsatzleiter hat man gerne genügend Einsatzkräfte und entlässt lieber wieder eine Reserve, welche vor Ort bereitsteht.

Nach ca. zehn Minuten hatte ich gewusst, dass wir den Brand in den Griff bekommen und dass wir das Übergreifen auf das Dach verhindern können.

Ich dachte an die Nachforderung einer zweiten Drehleiter, habe den Gedanken aber auf Grund des raschen Löscherfolgs verworfen.

Beeindruckend war für mich die sehr gute Zusammenarbeit mit den Gruppenführern, welche mir während dem Einsatz mit Beratung und Informationen zur Seite gestanden haben. Das hat dazu beigetragen, dass wir das Brandgeschehen sehr schnell im Griff hatten.

Wir hatten genügend Löschwasserleitungen, die Drehleiter im Einsatz und viele Atemschutzgeräteträger zur Verfügung.

Auch von Seite des DRK waren schnell viel Kräfte anwesend.

 

Bei der Schlagkraft der Feuerwehr spielt doch oft auch die Zeit und somit die Schnelligkeit eine große Rolle, richtig?

 

Für mich eindeutig! Ein großes Plus bei kritischen Einsätzen wie z.B. Brände, technische Hilfeleistung (u.a. Unfälle) oder medizinische Notfälle ist das schnelle Eingreifen. So gelingt es sicherlich, körperliche Schäden oder größere Sachschäden in vielen Fällen zu vermeiden oder zu vermindern.

Jedem Feuerwehrangehörigen ist es bewusst, dass die Zeit eine große Rolle spielt, ohne im Vorfeld den Kopf zu verlieren.

Schnelligkeit ist auch Professionalität.

Wenn man das Einsatzfax der Integrierten Leitstelle Waldshut von Montag betrachtet, war das 1. Einsatzfahrzeug (MTF) in 5 Minuten und 27 Sekunden nach Alarm an der Einsatzstelle und es befand sich vor dem Alarm niemand im Gerätehaus. Gleich auf das MTF folgte das HLF mit neun Einsatzkräften.

Ich denke, das ist echt eine tolle Leistung und kann sich für eine Freiwillige Feuerwehr mehr als sehen lassen.

 

Wie lief denn die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen im Rahmen dieses Einsatzes ab?

 

Richtig toll! Mit allen Organisationen ist es ein Traum, zusammenarbeiten zu dürfen. Die einzelnen Organisationen meldeten sich bei mir und nahmen Kontakt auf. Das ging so vom Rettungsdienst, dem leitenden Notarzt, dem organisatorischen Leiter des DRK, dem DRK Ortsverein Jestetten bis zum Einsatzleiter der Polizei.

Durch diese Kommunikation sieht man auch die verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Organisationen am Einsatzort und das sorgt für Verständnis.

Das über den Tellerrand hinausschauen ist wichtig und es hat super geklappt.

 

Wie sich mittlerweile herausstellte, hat ein Nachbar die Bewohner auf den Brand aufmerksam gemacht und die betroffene Familie im 2. OG aus der Wohnung geholt.

 

Das war mir bisher nicht bekannt.

An diesen Nachbarn richten wir natürlich ein herzliches Dankeschön und schön, dass es so eine Zivilcourage bei uns im Dorf noch gibt.

Dies ist generell immer unter dem Aspekt zu betrachten, dass sich Zivilisten nicht in unnötige Lebensgefahr begeben sollen, denn bekanntlich braucht es nur ein paar Atemzüge von dem giftigen Brandrauch und die Gesundheit ist erheblich in Gefahr.

 

Was passierte denn mit den Bewohnern des Gebäudes? Wurden diese während dem Geschehen betreut?

 

Ich hatte das Gefühl, dass wir gut für die Bewohner gesorgt haben. Es gab gleich eine Betreuung durch den DRK Ortsverein, dem Rettungsdienst und zwei Notärzte.

In der 2. Phase gab es viele Fragen der Bewohner und es ist sehr wichtig, auf die Fragen und Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen.

Die Bewohner der beiden anderen Parteien hatte auch die Befürchtung, dass sie nicht mehr in ihre Wohnung dürfen.

In der 3. Phase führte ich, zusammen mit dem Einsatzleiter der Polizei, ein Gespräch mit allen Bewohnern und dem Hausbesitzer. Wir informierten über den Sachstand und standen für Fragen zur Verfügung. Dem Mieter der betroffenen Wohnung zeigten wir in Begleitung der Polizei und nach ordentlicher Belüftung, dass seine Wohnung zunächst unbewohnbar bleibt.

Das ist alles nicht einfach für die Betroffenen, aber die Informationen und Wahrnehmungen beruhigen sie und es gibt ihnen ein besseres Gefühl, so mein Eindruck.

Die beiden unteren Parteien durften ja wieder in ihre Wohnungen und wir versicherten ihnen, dass die betroffene Stelle am Haus mehrfach mit der Wärmebildkamera überprüft wurde und somit keine Gefahr mehr für sie bestand.

 

Für die betroffenen Bewohner ist das doch immer eine Katastrophe, so einen Brand zu erleben?

 

In diesen Momenten stelle ich immer wieder zwei Dinge fest.

Zunächst stehen die Betroffenen unter Schock, da der materielle Schaden eingetroffen ist.

Wenn man sich aber den Betroffenen annimmt und auf sie eingeht, kommt ihnen, wie in diesem Fall, meistens der Gedanke, dass es ihnen selbst gut geht und es keine Verletzten zu beklagen gab.

Die Betroffenen brauchen Zeit, um dieses Ereignis zu verarbeiten. Der Polizeibeamte erklärte es ihnen sehr gut. Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und wieder zur Tagesordnung zurückkehren, die Verarbeitung braucht Zeit.

 

Das war nun bislang eine anspruchsvolle Woche mit drei Einsätzen in vier Tagen.

 

Ja, nach so einem Einsatz möchten wir gerne wieder zur Ruhe kommen, denn er ringt uns schon Energie ab. Die Bewohner der Straße sahen, dass wir um 20.15h von der Einsatzstelle abrückten, wir waren aber im Gerätehaus bis Mitternacht beschäftigt, um die vollständige Einsatzbereitschaft wieder herzustellen.

Dann sind auch kleinere Einsätze in den Folgetagen eher stressig, als sonst.

 

Wie ist nun der weitere Probenbetrieb in Jestetten geregelt?

 

Wir beschäftigen uns in nächster Zeit weiterhin in kleinen Gruppen mit dem Thema Fahrzeugkunde und dem Schaumangriff, da wir neue Schaumrohre bekommen haben.

Wir hoffen natürlich wie alle, dass bald wieder eine gewisse Normalität eintritt.

 

Holger, vielen Dank für das Interview und einen kleinen Einblick in das Gefühlsleben eines Einsatzleiters und Kommandanten, verbunden mit dem Respekt der gezeigten Leistung von allen Beteiligten am Montag.

 

Das Interview führte: Uwe Kaier

Bilder und Video (ohne Ton): von Anwohnern freundlichst zur Verfügung gestellt

Video: erstellter Zeitpunkt- ca. 5 1/2 Minuten nach Alarmierung der Feuerwehr (Am Ende des Videos trifft das 1. Fahrzeug der Feuerwehr ein)

Anmerkung: bei verschiedenen Handytypen kann Video ggf. nicht abgespielt werden

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